Remote Research

von Sonja Wilczek August 31, 2020 Lesezeit: 4 Minuten

Wie Remote Research die Kommunikation herausfordert. Und demokratisiert.

 

Remote Research bedeutete bei uns bisher vor allem: Hybrid-Research. Bei der Rekrutierung internationaler TeilnehmerInnen und besonderer Zielgruppen lagen die Vorteile von remote auf der Hand – bessere Erreichbarkeit, geringere Reisekosten, zeitliche Flexibilität.

Bei der Auftraggeberseite setzten wir dagegen fast immer auf Vor-Ort-Präsenz. Die direkte Interaktion bietet einfach einen besseren Einblick in „Nebenbei-Themen“ wie laufende interne Diskussionen oder technische Hürden. Solche impliziten Insights sind bei der Auswertung der Researchtage nicht zu unterschätzen.

2020 hat uns dazu gezwungen, auch die Auftraggeberseite bestmöglich in Remote-Research-Maßnahmen einzubeziehen. Hier sind unsere Learnings aus einem unserer ersten internationalen Remote-Only UX Research Projekte für unseren Kunden Audible.

 

Remote Research - Setup

Vorab-Definition des Remote-Setups

Remote gibt es nicht das eine Testlabor und den einen Beobachtungsraum. Die Zahl der Räume entspricht der aller Beteiligten. In unserem Fall hatten wir mit 20 bis 30 einzelnen Räumen ein ziemlich volles Haus. Um ein solches Research-Setting handhaben zu können, muss die Kommunikation zwischen den verschiedenen Teilnehmenden genau geplant und über separate Kanäle gesteuert werden.

ModeratorIn und Testperson sind via Videokonferenztool verbunden, können ihren Screen teilen und die Maussteuerung übergeben. Fragen an die Testperson werden bei einem Hauptansprechpartner auf Kundenseite gesammelt und später gebündelt an den/die ModeratorIn gesendet.

Der/Die DesignerIn übernimmt die Kommunikation zu anderen Themen mit SimultanübersetzerIn und HauptansprechpartnerIn auf Kundenseite. Nach jedem Test wird ein kurzes Nachklapp-Telefonat zwischen DesignerIn, Haupt-AnsprechpartnerIn auf Kundenseite und ModeratorIn geführt, bei dem offene Fragen geklärt werden.

KundInnen und DesignerIn sind als stille BeobachterInnen eingewählt. Sie dokumentieren und clustern ihre individuellen Eindrücke auf digitalen Post It’s. In diesem Fall haben wir Miro als online Whiteboard-Lösung genutzt. Die BeobachterInnen können über das entsprechende Feature auswählen, ob sie die Originalsprache oder die Simultanübersetzung hören wollen. Punkt für die Remote-Situation: Die Übersetzung erzeugt so gut wie keine Irritationen mehr.

Rremote Research Kommunikationswege

Tipps für das Research-Setup

  • Bündele und kanalisiere die Kommunikation (z.B. über interne BeobachterIn und Haupt-AnsprechpartnerIn).
  • Lasse keine Kommunikation über Chat des Videokonferenztools während der Tests zu. Nutze lieber ein internes Messagingsystem oder SMS, um Fragen einzukippen ohne die Session unterbrechen zu müssen.
  • Bereite die Struktur des digitalen Dokumentationsboards detailliert vor.

Engmaschige Kommunikationsroutinen einführen

Kommunikation muss im Remote Setup sehr viel expliziter stattfinden als bei Präsenzterminen.  Deshalb haben wir klassische Research Routinen ausgeweitet und neue hinzugefügt. So wurde zum Beispiel die Intro-Session verlängert, um neben Ablauf und Dokumentation auch die genutzten Tools zu erklären, Technikfragen zu beantworten und Verhaltensregeln darzulegen.

Die fehlende Zwischenkommunikation wurde zum Teil durch morgendliche Dailies und abendliche Debrief-Sessions kompensiert. Dadurch konnten alle Informationen, die in kleiner Runde nach jedem UX-Test besprochen wurden, zu einem festen Zeitpunkt nochmals mit allen geteilt werden. Beim täglichen Abschluss-Meeting wurden der Tag sowie Hintergründe kurz diskutiert, Fragen der Stakeholder beantwortet und Pläne für den weiteren Verlauf angepasst.

Tipps für die Teamkommunikation

  • Plane häufigere und längere Termine für Kommunikation mit dem gesamten Team ein, um Sublines über die Diskussion mitzubekommen.
  • Frage bei Stakeholdern dedizierter nach Hintergründen zu Aussagen von Testpersonen.

Auswertungsworkshop stark strukturieren und moderieren

Für das Remote-Setting ist der Auswertungsworkshop besonders wichtig, da der Problemraum während der Research-Maßnahme nicht ausführlich diskutiert werden kann. Deshalb benötigen Auswertungsworkshops remote mehr Zeit als ihre analogen Brüder und Schwestern. Die üblichen 60 bis 90 Minuten reichen nicht aus. Außerdem sollten alle Stakeholder gebeten werden, ihre persönlichen Key Learnings schon im Vorfeld zu notieren und mitzubringen.

Im Workshop stellen die einzelnen Stakeholder ihre Key Learnings vor, die anschließend durch die DesignerInnen geclustert und von dem/der ModeratorIn zusammengefasst werden. Die Problemfelder werden dann, zum Beispiel per Dot-Voting, priorisiert und zentrale Lösungsbereiche gemeinsam mit dem Kunden diskutiert.

 Tipps für den Auswertungsworkshop

  • Schaffe auf dem Board ein Startelement, damit sich alle Nutzer zurechtfinden können.
  • Plane mehr Zeit ein, strukturiere und moderiere stärker.
  • Nutze die digitale Flexibilität für Visualisierungen.

„USEEDS° hat innerhalb von wenigen Tagen eine Studie, die in-lab geplant war, komplett auf remote umgestellt. TeilnehmerInnen, ResearcherInnen, ÜbersetzerInnen und unser Team waren aus unterschiedlichen Locations in Deutschland und den USA eingewählt und wir haben trotz all der technischen Herausforderungen fantastische Insights gesammelt. Das nenne ich agiles Arbeiten!“

  • Laura Nonnenmacher, Director Consumer Insights, Audible

Remote Workshop – eine Notlösung macht Schule

Die Umstellung auf Remote Research bringt viele Herausforderungen mit sich – einige besser lösbar, andere schwieriger. Von allen Baustellen ist es vor allem die zwischenmenschliche Komponente, die sich bei aller digitaler Kollaboration remote einfach nicht 100 prozentig abbilden lässt.

Trotzdem werden wir Remote Research auch zukünftig und unabhängig von der globalen Großwetterlage nutzen. Denn es gibt sie, die Vorteile und zwar gar nicht so wenig: Auf der strukturellen Ebene entsteht eine höhere Nachhaltigkeit durch die Vermeidung von Post It-Bergen, die Dokumentation wird durch direkt digital verfügbare Notizen oder die direkte Visualisierung von Ergebnisclusern erleichtert.

Viel wichtiger aber ist, dass remote (gerade auch bei internationalen Stakeholdern) zu einer Demokratisierung und interkulturellen Gleichstellung führt, die eine große Bereicherung für die Ergebnisse darstellt. Zum einen hat jede/r die Möglichkeit, ihre/seine Wahrnehmung individuell und unvoreingenommen darzulegen. Es gibt keine Zwischendiskussionen gibt, die zu Biases führen und keine Beeinflussung durch Hierarchien innerhalb der Kundenvertreter. Zum anderen steigt die interkulturelle Gleichberechtigung um ein Vielfaches. Stakeholder aus allen Ländern haben bei internationalem Research die gleichen Voraussetzungen, den gleichen Blick, die gleiche Tonqualität bei der Übertragung etc.

Unsere Empfehlung: machen!