von Dr. Anna Pohlmeyer November 30, 2020 Lesezeit: 4 Minuten

Was kommt nach der User Experience? Positive Design.

Mit Positive Design zu individuellem und gesellschaftlichem Mehrwert, besseren Produkten und neuen Business Opportunites.

Was macht dich glücklich? Welche Dinge steigern langfristig dein Wohlbefinden? Den meisten NutzerInnen fällt es schwer, diese Fragen zu beantworten. Den meisten DesignerInnen auch.

Das primäre Designziel war und ist bei vielen Produktentwicklungsprozessen die perfekt exekutierte User Experience. Aber was kommt danach? Was macht aus einem funktionierenden Produkt ein gutes Produkt? Wie macht man aus einem „Da kann man nicht meckern“ ein „Das ist mir wichtig“?

Dinge müssen heute mehr bieten als bloße Zweckerfüllung. Sie sollten so gestaltet sein, dass sie unser Glück unterstützen und uns helfen, ein gutes Leben zu führen. Die Entwicklung geht von Zufriedenheit zu Wohlbefinden. Von Kurzfristigkeit zu Langfristigkeit. Vom Nutzererleben zum menschlichen Erlebnis.

Positives Design setzt genau an diesem Punkt an. Es baut auf den Erkenntnissen und Prinzipien der positiven Psychologie auf. Positives Design nutzt einen möglichkeitsorientierten Zugang zu Innovationen und schafft physische und digitale Produkte und Dienstleistungen, die das Wohlbefinden der NutzerInnen langfristig steigern.

Vom Problem zur Möglichkeit

Interaktionsdesign hat sich in den letzten Jahren vor allem auf die technisch einwandfreie Lösung von Nutzerproblemen gerichtet. Dieser Fokus bringt verschiedene Limitationen mit sich. Zum einen führt das Ausräumen von Schwachstellen in der User Experience meist nur zu inkrementellen Verbesserungen. Zum anderen sind Lösungen, die lediglich auf technische Anpassungen zurückzuführen sind, leicht kopierbar und bieten nur noch einen sehr kurzfristigen Wettbewerbsvorteil.

Im Positiven Design wird bewusst nicht versucht, das Problem direkt zu reduzieren. Stattdessen fokussiert sich der Prozess auf die Suche nach Möglichkeiten, um mit Hilfe von Produkten und Dienstleistungen positive Erlebnisse zu gestalten. Wo es vorher nur eine konkrete Lösung für ein konkretes Problem gab, entsteht so eine Vielzahl möglicher neuer Lösungen. Oftmals wird das Kernproblem durch diesen indirekten Weg viel nachhaltiger gelöst oder sogar obsolet. Vor allem schafft es Raum für Innovationen, die zum einen einen individuellen und/oder gesellschaftlichen Mehrwert und darüber hinaus Potential der Differenzierung bieten.

Nehmen wir beispielsweise die Zugverspätungen der Deutschen Bahn. Um die Pünktlichkeit zu steigern, wird sehr viel Geld in Streckensanierung, Fahrplangestaltung etc. investiert. Die wahrgenommene Verbesserung für den einzelnen Fahrgast? Überschaubar. Aber was wäre, wenn man nicht in die Reisezeitverkürzung, sondern in die Gestaltung dieser Zeit investieren würde? Der Perspektivwechsel hin zum Reiseerlebnis bietet eine große Bandbreite neuer Innovationsmöglichkeiten. In einzelnen Fällen wird eine Verlängerung der Reisezeit sogar begrüßt.

Positives Design bietet noch einen weiteren, ganz entscheidenden Vorteil: Es erhöht die Fehlertoleranz der NutzerInnen. Bedeutungsvolle Erlebnisse werden trotz ihrer nicht vorhandenen technischen Perfektion als wertvoll empfunden. Video-Konferenztools zum Beispiel sind in den letzten Monaten nicht durch die Decke gegangen, weil sie eine technisch einwandfreie Lösung für ein Problem bieten. Sie sind so beliebt, weil sie die Möglichkeit schaffen, uns trotz räumlicher Distanz nahe zu sein. Das steigert unser Wohlbefinden auch dann noch, wenn die Verbindung ab und an hängt oder das Bild wackelt.

Das bedeutet nicht, dass UX keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil. UX ist weiterhin erfolgskritisch, steht aber im Prozess an zweiter Stelle. Erst wenn das Erlebnis klar definiert und konzipiert ist, werden passende Gestaltungsempfehlungen im Sinne der UX abgeleitet.

Suchfelder für Positives Design

Produkte, die unser Wohlbefinden dauerhaft steigern, unterliegen universellen Prinzipien und können auf unterschiedliche Art wirken. Insgesamt können Produkte Wohlbefinden unterstützen indem sie (mindestens) eine der folgenden vier Rollen erfüllen (Design for Happiness, Pohlmeyer 2012):

  • Produkte als Quelle des Wohlbefindens: Manche Produkte rufen positive Reaktionen direkt hervor, z.B. durch ihre ästhetische Ausgestaltung oder ihre spielerische Interaktion.
  • Produkte als Symbole: Dinge repräsentieren unsere Werte und Lebensideale. Eheringe fallen in diese Kategorie. Auch Souvenirs oder Geschenke eines besonderen Menschen können zu wertvollen Artefakten werden.
  • Produkte als Begleiter: Dinge können uns unterstützen, das Leben zu führen, das wir gern führen wollen. Vor einiger Zeit waren Fitnessarmbänder in dieser Kategorie sehr populär. Produkte, die unsere mentale Gesundheit unterstützen, können ebenso in diese Kategorie fallen.
  • Produkte als Befähiger: Produkte können Erlebnisse ermöglichen, die wiederum zu Wohlbefinden führen. Ohne diese Produkte wäre das Erlebnis jedoch nicht möglich. So brauche ich zum Beispiel zum Segeln ein Segelboot.

Aus diesen Kategorien ergeben sich Suchfelder für positives Design, die weit über eine direkte Eins-zu-Eins-Beziehung des Produktes als Quelle des Wohlbefindens hinausgehen. Produkte haben die beste Chance unser Wohlbefinden langfristig zu steigern, wenn sie Erlebnisse ermöglichen. Es gilt: Wenn man weiß, was einen Menschen bewegt, welche Werte ihm/ihr wichtig sind, kann man zielgerichtet Emotionen hervorrufen. Im Zusammenspiel mit grundlegenden psychologischen Bedürfnissen lassen sich nicht nur nicht nur praktische Produkte, sondern auch freudvolle und bedeutsame Erlebnisse durch Produkte gestalten.

Positives Design für glückliche DesignerInnen

Positive Design rückt menschliche Erlebnisse und Emotionen in den Fokus der Produktentwicklung. Der Ansatz schafft neue Möglichkeitsräume für Innovation und Differenzierung. Er gibt eine Antwort auf die Frage, was nach der perfekt exekutierten User Experience kommt und ist richtungsweisend für ein ethisches Designverständnis sowie für neue Business Opportunities. Von alldem mal ganz abgesehen: Was kann man sich als DesignerIn eigentlich Schöneres vorstellen als Menschen dabei zu helfen, glücklich zu sein?

Über die Autorin:
Dr. Anna Pohlmeyer ist Senior Experience Researcherin bei diffferent und eine der PionierInnen und führenden Wissenschaftsstimmen im Bereich Positive Design. Sie fungierte acht Jahre lang als Ko-Direktorin des Delft Institute of Positive Design an der TU Delft und ist Board Member der Design Research Society Special Interest Group on Design for Wellbeing, Happiness and Health.