von Silke Kreiling und Alexander Werle Dezember 13, 2019 Lesezeit: 4 Minuten

Ein Hoch auf die Komplizenschaft

Komplizenschaft funktioniert auf einer anderen Ebene als traditionelle Arten der Zusammenarbeit. Sie managt Misstrauen statt Vertrauen aufzubauen, akzeptiert Reibung statt Konsens zu erzwingen, produziert Ergebnisse ohne Ziel- oder Wertekonsens vorauszusetzen. Sie bringt Menschen zusammen, die nicht zusammen passen. Das macht so effektiv.

Klima kaputt. Innovationsgeist kaputt. Weltgemeinschaft in Gefahr. Generationen auf den Barrikaden. Alle sprechen davon, dass es eine neue Art der Zusammenarbeit braucht, wenn wir unsere Welt retten wollen. Menschen mit einem geteilten Werteverständnis müssten an einem Strang ziehen, um die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Der Haken daran: Diese komplexen Probleme lassen sich nicht von einer Horde Menschen lösen, die sich alle irgendwie ähnlich sind.

Neue Impulse entstehen, wo es Reibung gibt, wo man auf radikal andere Denk- und Herangehensweisen stößt – wo Plus- und Minuspole aufeinander treffen. Wie zum Beispiel in der Kombination aus Kunst und Wirtschaft. Aber wie kann Zusammenarbeit in solchen Verbindungen funktionieren? Wir glauben: durch Komplizenschaft.

Dürfen statt müssen – das Privileg der Kunst

Die meisten Wissensarbeiter bewegen sich in einem Korsett aus Jahreszielen, Meetings, E-Mail-Postfächern, Wachstumsvorgaben. Wir müssen, weil unsere Unternehmen müssen. Sie müssen Jahresziele schaffen, Deckungsbeiträge erreichen und Gehälter zahlen. Dabei bleibt schlicht zu wenig Raum, um immer wieder einen wachen Blick auf die Dinge zu entwickeln, sich auf eine Aufgabe voll einzulassen und entsprechend exzellente Lösungen zu entwickeln. Anders sieht es in der Kunst aus.

Hier sagt Hartmut Rosa sinngemäß: Wenn alles muss, ist Kunst der Resonanzkörper für die eigene Weltbeziehung. Oder einfacher gesagt: In der Kunst darf der Mensch endlich mal.

Klar, ein Künstler muss auch vieles. Aber die Kunst selbst, die darf. Während Wirtschaft also nach Nutzen sucht, darf Kunst alles andere tun. Deshalb schafft sie es, sich stetig zu verändern. Und das kann sehr nützlich sein, wenn es darum geht, mal neues Terrain zu explorieren, den Status Quo herauszufordern. Wo es in der Wirtschaft keinen Raum für das „Dürfen“ gibt, sollte man sich überlegen, ob man sich nicht die Kunst zum Komplizen macht.

Kurzfristigkeit statt Kontinuität – Der Mehrwert von Komplizenschaft

Das Wesen von Komplizenschaft ist es, dass sich zwei (oder mehr) zusammentun, um gemeinsam eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Anders als bei anderen Formen von Zusammenschlüssen, muss ihre Motivation, ihre persönliche Agenda dabei überhaupt nicht übereinstimmen. Der Film „Ocean’s Eleven“ illustriert das sehr gut. Die Auswahl der Bande ist klug kuratiert – jede Figur hat ihre ganz spezielle Expertise, die für das Gelingen erfolgskritisch ist. Die Motivation des Einzelnen reicht dabei von „Rückgewinnung der Ex-Frau, über „reich werden“ bis hin zu „Langeweile vertreiben“. Diese Männer haben nicht viel gemeinsam außer der geteilten Mission. Aber am Ende gewinnen alle.

Dass gelungene Zusammenarbeit auch im echten Leben auf diese Weise sehr gut funktionieren kann, zeigt beispielsweise die Kooperation von Sonos mit Rick Rubin, einem der bedeutendsten Musikproduzenten der Gegenwart. Der Deal: Rick darf herausfinden, was Klang im Raum tut und bringt sein künstlerisches Gehör mit. Sonos bekommt eine künstlerische Perspektive auf Klang und kann damit seine Produkte verbessern. Win win.

Kunst und Wirtschaft funktionieren hier zusammen, weil beide Seiten individuell etwas davon haben. Obwohl keiner es darauf anlegt, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Das gemeinsame Ergebnis entsteht also quasi als Nebenprodukt der individuellen Ziele. Und darf einen unterschiedlichen Wert für beide haben. Jeder darf gewinnen, was er gewinnen mag ohne abwägen zu müssen, ob das gerecht und gemeinschaftlich ist. Vor allem aber muss der Gewinn keiner vorangegangenen Verabredung entsprechen – so lange niemand verliert, haben alle gewonnen.

Dabei gelten die Vorteile von Komplizenschaft nicht nur zwischen Wirtschaft und Kunst. Entwicklerische Spitzenleistung kann durch Komplizenschaft in allen Bereichen gefördert werden. So entwickelt Otto Bock Sportprodukte mit den Paralympischen Athleten, die Forschungsinitiative Street Scooter GmbH der RWTH Aachen hat für die Deutsche Post Kurzstrecken-Elektrotransporter gebaut und Nike sucht im Rahmen von „Breaking 2“ zusammen mit den Top-Marathonläufern der Welt nach der Formel für den perfekten Laufschuh.

Komplizen müssen sich nicht mögen

Wir haben gelernt, dass, wer dauerhaft zusammenarbeiten will, sich einig sein muss, Vorurteile ausgeräumt sein müssen, Vertrauen geschaffen werden muss. Man muss Freunde werden. Oder zumindest Vertragspartner auf Augenhöhe.

Der Vorteil von Komplizen: Sie müssen sich nicht mögen. Das ist ihr entscheidender Trumpf zum Beispiel gegenüber…

Partnerschaften. Komplizen sind unsoziale Zweckgemeinschaften von Anfang an. Sie kooperieren, obwohl sie sich misstrauen, arbeiten zusammen an einem Ergebnis ohne ein gemeinsames Ziel erreichen zu wollen – und gehen nach getaner Arbeit getrennte Wege. Ohne gebrochene Herzen oder Verträge.

Teams. Anders als Teams, arbeiten Komplizen maximal egoistisch und interessenorientiert. Komplizen müssen sich über gar nichts einig sein – außer darüber, dass sie sich aktuell gegenseitig brauchen, um zu einem Ergebnis zu kommen, das keiner sein Ziel ohne den anderen erreichen würde. Und dass die individuellen Ziele sich nicht gegenseitig in die Quere kommen. Diese Art der Zusammenarbeit funktioniert, ohne dass ungleiche Systeme und Denkmodelle so modelliert werden, dass ein harmonisches Miteinander möglich ist.

Netzwerke. Netzwerke schaffen Infrastruktur, aber keine Lösung. Ihre Mitglieder sind meist passiv oder reaktiv. Es braucht darum immer jemandem im Netzwerk, der oder die etwas tut auf das alle anderen dann reagieren können. Komplizen warten auch auf ihren Einsatz. Den haben sie aber gemeinsam geplant und diesen starten sie auch gemeinsam. Komplizen brauchen keine Aktion um zu reagieren. Komplizenschaft existiert nur zum Zweck, aktiv zu werden.

Komplizenschaft funktioniert auf einer anderen Ebene als traditionelle Arten der Zusammenarbeit. Sie managt Misstrauen statt Vertrauen vorauszusetzen, akzeptiert Paradoxien statt Konsens zu erzwingen, produziert Ergebnisse ohne Ziel- oder Wertekonsens vorauszusetzen. Komplizenschaft darf also loslegen ohne zu viel müssen. Und darum bekommen Komplizen auch so viel shit done.