Lasst uns die Moderne modernisieren.

Oder: Warum Antworten auf die großen Fragen unserer Gesellschaft nicht aus Berlin oder Palo Alto kommen sollten, sondern aus Dessau.

Dessau ist Bauhaus. Dort hat die „Hochschule für Gestaltung“ am längsten gewirkt und ihre Blütezeit erlebt. Wer hierher kam, war bereit, gesichertes Wissen aufzugeben und das Denken neu zu lernen. Die Auswirkungen spürt man noch heute: Minimalismus, Design Thinking, New Work und vieles mehr, was gerade Innovations-Benchmark ist, findet seinen geistigen Ursprung in Dessau. Der Vater des Bauhauses, Walter Gropius, beschrieb seine Gründungsidee einmal so: „Nur vollkommene Harmonie sowohl in der technischen Zweck-Funktion wie in den Proportionen der Formen kann Schönheit hervorbringen.“ Gropius forderte nicht weniger als eine substanzielle Reform von Kunst, Kultur und Wirtschaft. Welches Bauhaus würde er heute gründen? 

Vorn ist, wo sich keiner auskennt.

Das Bauhaus gilt als die Wiege der Moderne. Es war 1919 mit der Vision angetreten, eine fortschrittsfreudige, dem Menschen verpflichtete, alternative Realität zum Mainstream zu erschaffen.

Unter Moderne verstehen wir in diesem Kontext selbstverständlich nicht die Kunstströmung des 20. Jahrhunderts mit ihren Avantgardisten, Vortizisten und Expressionisten. Wir wollen auch nicht über eine geschichtliche Zeitspanne streiten, die vielleicht mit der Aufklärung anfing und wahrscheinlich nach den Weltkriegen aufhörte. Moderne meint unser Verständnis von dem, was fortschrittlich ist, also in Abgrenzung zu etablierten strukturellen und gestalterischen Grundsätzen steht. Modern lässt sich in diesem Zusammenhang am besten durch das kennzeichnen, was die Mehrheit gerade herausfordert. Oder anders gesagt: Was tut uns als Gesellschaft gerade weh? Was ängstigt uns? Wo kennt sich gerade keiner wirklich aus? Dort findet man die Moderne.
 

So wie sich der Mainstream entwickelt, so müsste sich doch eigentlich auch seine Gegenbewegung verändern, oder? Damit es weiter geht. Damit neue Perspektiven und alternative Realitäten gedacht werden können. Damit die Zukunft besser werden kann. Wie wäre es denn, wenn wir, statt im Jubiläumsjahr 2019 vergangene Errungenschaften der Dessauer zu feiern, in bester Bauhäusler-Tradition die Moderne selbst modernisieren würden? Gropius und Co. hätten wir dafür auf unserer Seite.

Wenn man bei Bauhaus heute nämlich vor allem an Architekturklassiker und Designikonen denkt, übersieht man den Kern der Sache: Es ging in Dessau niemals darum, überzeitliche ästhetische Standards zu definieren, die in späteren Zeiten von Designlovers auswendig gelernt, angebetet und abgestaubt werden, sondern um das Denken ungedachter Gedanken, um das Aufeinandertreffen widersprüchlicher Geister. Es ging immer darum, einen bewussten Ort der Alternativkultur zu schaffen. Eine Petrischale der Disruption quasi.

Die Mutter aller Creative Spaces

Modern war damals vor allem der Ansatz, Innovation nicht im kreativen Elfenbeinturm, sondern Anhand konkreter Fragestellungen aus Technologie und Wirtschaft geschehen zu lassen. Das Bauhaus wollte ein „Kunstlaboratorium im Dienste der Industrie“ sein. Damals: Wow. Heute: Not so much. Denn wer dabei nicht an Accelerator, Incubator oder Creative Space denkt, sollte wirklich nochmal kritisch sein Buzzword-Wissen überprüfen. Wer auf der Suche nach der modernen Moderne ist, könnte sich jetzt fragen, welche treibenden Elemente heute gemeinsam experimentieren müssten. Kreativität, Industrie und?

Man verstehe mich nicht falsch. Das soll hier kein Bauhaus-Diss werden. Vielmehr ein Versuch, den Fokus von seinem Output zum Konstrukt selbst zu bringen. Was mich nämlich umtreibt ist: Warum konnte das Bauhaus in der kurzen Zeit seines Bestehens eine Strahlkraft entwickeln, die noch heute in dieser Konsequenz nachhallt? Und wie können wir diesen Geist in unsere Zeit mit ihren Herausforderungen überführen?

Wir brauchen ein neues Bauhaus Movement.

Zentraler Faktor des Bauhaus-Denkens war kritischer Zukunftspositivismus. Auch wenn die Realität sich komplex, kompliziert und gefährlich anfühlte, in Dessau lebte man nach vorn. Gesellschaftliche und technische Umbruchsituationen wurden weder beschönigt noch verdammt, sondern als das gesehen, was sie waren: Möglichkeiten für Unternehmen, die Zukunft aktiv zum Besseren zu gestalten.

Heute befinden wir uns wieder im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Urbanisierung und  Automatisierung lähmen Handlungsfähigkeit und Zukunftsfreude. Immer schneller werdende Veränderungszyklen hindern Entscheider daran, Entscheidungen zu fällen. Unternehmen müssen vom Getriebenen wieder zum Treiber werden.

Wir als Kreative haben in dieser Welt den Auftrag, den Status Quo zu piesacken und Gelerntes in Frage zu stellen. Es geht nicht darum, alle Welt auf ein Mindset und eine Toolbox zu nivellieren, sondern darum, Überraschung, Umdenken und alternative Realitäten  zu triggern. Und dabei sollten wir uns das Bauhaus sehr wohl zum Vorbild nehmen. Wenn wir hinter die Kreise, Quadrate und Dreiecke schauen.

Author: Silke Kreiling